03.06.2020 00:05

Der Günstigste im Bund

Seat Leon Kombi: Lademeister für junge Wilde

Es ist die große Zeit des Umbruchs in der Volkswagen-Konzern-Kompaktklasse, die ganze Palette kommt neu auf den Markt: VW Golf als Stammhalter, Audi A3, Skoda Octavia und Seat Leon, alle mit derselben technischen Basis, aber unterschiedlichem Charakter. Die spanische, jugendorientierte Ausprägung ist dem Seat Leon zu eigen, den wir hier - eigens aus dem Werk in Martorell angeliefert - zum ersten Test gebeten haben, mit Frontantrieb, manuellem Getriebe und dem 150-PS-Vierzylinder-Benziner namens 1.5 TSI unter der Haube.

Solange noch kein VW Golf Variant in Sicht ist, trägt der Seat Leon Kombi die Verantwortung des einzigen direkten internen Konkurrenten des Skoda Octavia Combi. Obwohl er 27 Zentimeter länger ist als der fünftürige Hatchback, unterbietet er den tschechischen Bruder in der Länge um fünf Zentimeter - kann aber beim Platzangebot durchaus mithalten. Die größten Unterschiede zwischen den beiden findet man im Charakter.

Weil: Der Seat Leon soll den jungen Wilden geben und eher jüngere Kunden ansprechen. Die Front ist dementsprechend aggressiv geschnitten und läuft spitz zu, das kantige Tagfahrlicht würde auch zu einem Lamborghini passen und Fake-Lufteinlässe tun so, als würde der Motor wahnsinnig viel Luft brauchen.

Die ganze Linie ist für einen Kombi relativ schnittig, nur das Heck ist ein wenig pausbäckig. Auf jeden Fall wird geprotzt mit einem durchgehenden Leuchtenband. Leuchten kann es allerdings nur in den beiden Topausstattungen Xcellence und FR. Da machen die Spanier dann voll einen auf Porsche oder Audi.

„Gelsenkirchener Barock“ im Xcellence-Innenraum
An Audi erinnert auch der Startknopf auf der Mittelkonsole. Der ist bei Skoda ja ganz schlicht an der Lenksäule untergebracht, dort, wo man normalerweise den Zündschlüssel reinsteckt. Ansonsten kann das Innenraumdesign mit Audi nicht annähernd mithalten. Mit dem des Skoda Octavia übrigens auch nicht. Wir haben hier immerhin die Topausstattung vor uns und dafür wirkt das alles vergleichsweise billig. Ist es aber auch. Wo der Skoda Octavia mit Eleganz punktet, spielt‘s der Seat Leon über den Preis.

Und durch die Preisbrille betrachtet wird das Interieur gleich viel schöner. Es ist schon nicht schlecht gemacht, wie die Türverkleidung in die Konsole übergeht. Dann die aggressive Kante hier vorm Beifahrer, die prominent platzierten Luftausströmer, das geht als jung und wild durch. Aber das Holzimitat, das an der Mittelkonsole ziemlich uninspiriert auf hartem Plastik aufsetzt, ist dann doch eher Gelsenkirchener Barock, wie man im Mutterkonzern sagen würde - wenn man das sagen würde.

Weniger teure Ausstattungen
Das 10-Zoll-Display ist sogar in der Topausstattung nicht serienmäßig, es kostet samt Navi 1100 Euro. Serie ist ein Achtzoll-Display in Verbindung mit analogen Instrumenten. Der Digitaltacho kommt mit der Topausstattung Xcellence.

Das ganze Cockpit ist spartanisch, oder sagen wir aufgeräumt. Es wird alles, wirklich alles per Touch bedient. Funktionstasten sind als Touchflächen integriert, Lautstärke und Temperatur reguliert man mit den Touchslidern unterhalb des Bildschirms. Die sind leider recht schwer zu dosieren, weil sie zu aufrecht stehen. Vor allem wenn es um die Temperatureinstellung geht.

Überhaupt ist das ganze Bediensystem recht bunt und poppig, aber unübersichtlich. Und nicht bediensicher (siehe Video oben!). Aber ja, Touchscreen ist modern, das Auto spricht die junge Zielgruppe an und die steht angeblich drauf. Sinnvoller wäre ein System, das während der Fahrt weniger ablenkt.

Erstklassig zu fahren
Sehr ansprechend ist, wie sich der Seat Leon fährt, obwohl hier hinten nur eine Verbundlenkerachse drinsteckt. Wie bei Skoda bekommen nur die Versionen mit mehr als 150 PS eine Mehrlenkerhinterachse. Ich kann natürlich nur über das adaptive Fahrwerk sprechen, das hier verbaut ist. Aber das ist wirklich erstklassig. Grundsätzlich komfortabel im Normalmodus. Die Lenkung leichtgängig, aber nicht gefühllos, alles sehr unaufgeregt. Auf Comfort ist es mir fast schon zu schwammig. Aber im Sportmodus fühlt sich das alles an, wie es sich für mich anfühlen muss. Die Lenkung wird härter, dadurch wird das Lenkgefühl noch besser. Feine Rückmeldung. Da kann man extrem zielgenau ums Eck zischen. Weil eben auch das Fahrwerk straffer ist und das Auto dadurch besser einlenkt.

Display-Zwang auch für den Fahrmodus
Wenn man den Fahrmodus wechseln will, muss man sich durch die Menüebenen quälen. Unpraktisch. Aber es zahlt sich aus, noch ein bisschen mehr herumzutapsen, denn man ist fahrwerksmäßig nicht auf drei Modi beschränkt, sondern kann sich die Dämpfer in 15 Stufen einstellen. Sogar jeweils drei Stufen über Comfort oder Sport hinaus. Weicher als Comfort erschließt sich nicht jedem, aber drei Clicks straffer als Sport macht Spaß. Auch wenn da von superhart keine Rede sein kann. Praktisch ist, dass sich das Auto den Fahrmodus bis zur nächsten Fahrt merkt. Wann braucht also nicht vor jeder Fahrt den Rucksack schnüren, um sich auf die Wanderung durch die Menüebenen zu begeben.

Was es sich nicht merkt, ist, wenn man den aktiven Spurhalteassistenten ausgeschalten hat. Den muss man also jedes Mal neu abschalten. Das geht zwar übers Lenkrad, ist aber trotzdem umständlich, weil nach dem Umstellen der Digitaltacho auf der Assistentenansicht bleibt. Man muss also noch dreimal auf View drücken, um die klassische Tacho- und Drehzahlmesser-Ansicht zurückzubekommen.

Breite Motorenpalette
Der 1,5-Liter Vierzylinder-Benziner im Testwagen leistet 150 PS und ist ein bewährtes Top-Aggregat, das quer durch die Konzernmarken zu Recht erfolgreich ist. Klingt gut, ist kräftig und begnügt sich mit knapp über 7 Liter. Der Sprint auf 100 geht sich in 8,4 Sekunden aus. Das ist beachtlich für einen 1,4-Tonnen-Kombi. Geht aber auch deshalb, weil man bis 100 km/h nur einmal schalten muss.

Die Motorenpalette fängt im Leon ganz weit unten an, bei einem 90-PS-Dreizylinder. Ansonsten sind die meisten Motoren der Brüder im Angebot. Diesel, Benziner, Mildhybrid-Benziner, Erdgas, der 204-PS-Plug-in-Hybrid, zum Teil auch mit DSG. Nur der starke Diesel mit 200 PS ist nicht geplant. Auch nicht für den Cupra Leon, der bald mal nachkommen wird. Allrad gibt‘s optional im 150-PS-Dieselkombi, sowie in einem Cupra Leon (aber da Cupra mittlerweile als eigene Marke geführt wird, spricht man im Umfeld des Seat Leon nicht darüber).

Keine Frage, da findet jede junge Familie, was sie braucht. Sportliche Papas könnten hier beim 1.5 TSI landen, vielleicht sogar mit Mildhybrid. Oder gleich beim 190-PS-Benziner oder dem PHEV. Wer sehr aufs Geld schauen muss, kriegt den Leon Kombi laut Liste schon um 19.000 Euro. Der Leon-Fünftürer kostet übrigens grundsätzlich einen Tausender weniger.

Vier Ausstattungslinien stehen zur Wahl, die alle nicht so opulent sind wie zum Beispiel bei Skoda. Da muss man dann einzeln nachrüsten, wenn man mehr will. Andersrum gesehen: Man muss nicht so viel Geld ausgeben für Dinge, die man gar nicht braucht. High-Tech-Ausstattung wie LED-Matrix-Scheinwerfer gibt es hier gar nicht. Was man sich sparen kann, ist die Rückfahrkamera. Die verzerrt so stark, dass sie mehr verwirrt, als dass sie hilft.

Serienmäßig im Kombi sind der schlüssellose Zugang namens Kessy, LED-Scheinwerfer, Klimaautomatik, Tempomat und wirklich familienadäquater Stauraum. Auf der Rückbank geht’s opulent zu und in den Kofferraum passen 620 bis 1750 Liter. Das macht den Leon zum Lademeister! Und im Kofferraum befindet sich sogar eine 230-Volt-Steckdose - serienmäßig!

Was der jungen Familie jetzt noch fehlen könnte, ist ein Name fürs Baby, doch auch der wird mitgeliefert: Auf Platz 19 der Namens-Beliebtheitsliste in Österreich steht - Leon!

Unterm Strich
Seat bietet mit dem Leon die günstigste Möglichkeit, in die Kompaktklasse des VW-Konzerns einzusteigen. Weniger elegant zwar als der Skoda Octavia, aber trotzdem ansprechend und mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Warum
Relativ viel Auto fürs Geld
Opulente Platzverhältnisse
Top-Fahrverhalten

Warum nicht?
In der Anmutung von Skoda klar abgehängt

Oder vielleicht ...
... Skoda Octavia Combi, VW Golf Variant (wenn er dann mal kommt), Ford Focus, Opel Astra, Peugeot 308 SW, Hyundai i30 Kombi, Renault Megane Grandtour etc.

Stephan Schätzl